Historische Beginen

Wir bedanken uns bei Ruthild Mangler, dass wir ihre „Spurensuche“ nach den historischen Beginen im Raum zwischen Tübingen und Balingen, einen umfangreichen und hochinteressanten Artikel, hier veröffentlichen dürfen.

Die Beginen und ihre Häuser haben in unserem Raum wenige Spuren hinterlassen. Ja, die Spurensuche in Archiven und Beschreibungen ist sogar oft widersprüchlich oder verwirrend. So werden diese Frauen nicht nur als Beginen bezeichnet, sondern auch als Schwestern, Nonnen und Dominikanerinnen. Begriffe also aus dem klösterlichen Vokabular, das heißt Beginenhäuser wurden damals und werden immer noch als Klöster angesehen. Aber Beginenhäuser waren keine Klöster.

Die Blütezeit der Beginenbewegung ist in unserer Gegend vom 13. bis 16. Jahrhundert. In dieser Zeit suchten Frauen vermehrt nach einer Lebensmöglichkeit zwischen Ehe und Kloster. So wohnten sie zusammen in einem Haus, führten ein christliches Leben, wirtschafteten gemeinsam – und das nach ihren eigenen Regeln. Nach ihren eigenen Regeln! Das hört sich fast schon modern an. Zu modern jedenfalls für die patriarchale Welt des Mittelalters. So ist es nachvollziehbar, dass sich viele Beginengemeinschaften Orden anschlossen, und zwar deren weltlichen Zweigen, den so genannten 3. Orden. Was bedeutete das für die Frauen? Sie wohnten zusammen in einem Haus, führten ein christliches Leben, wirtschafteten – und das nach den Regeln des jeweiligen Ordens. Meist des Dominikaner – oder Franziskanerordens.

Was weiß frau von diesen Frauen? Nicht viel. Von einigen kennen wir immerhin den Namen, etwa der von Elisabeth Distlin, die als Fünfzehnjährige in die Obere Klause in Rottenburg/Klausenkapelle St. Remigius mit Klausenfriedhof eingetreten war und hier ihr ganzes Leben verbracht hatte. In ihrer Zeit war sie wegen ihres Alters eine kleine „Berühmtheit“. So besuchte sie auch der Tübinger Professor Martin Crusius am 18. Juni 1590. Er notierte in seinem Tagebuch: Anschließend begrüßten wir die Priorin Elisabeth Distlin oder Dischlin, eine alte Frau von 105 Jahren, von kleiner Gestalt, schon ziemlich gebückt, aber mit noch gutem Sehvermögen und Gedächtnis.

Wie wird man eigentlich 105 Jahre alt? Ganz einfach, man werde Begine!

Gut zweihundert Jahre später scheint Elisabeth Distlin vergessen zu sein. In der Oberamts-beschreibung der Stadt Rottenburg von 1828 heißt es nur: Die obere Klause, außerhalb der Stadt … auf einer Anhöhe. Als 1339 die Pfarrkirche zum heil. Remigius dem Stifte einverleibt wurde, ließen sich einige ledige Weibspersonen in dem verlassenen Pfarr- und Meßner-Hause nieder, und bildeten eine Beguinengesellschaft, aus der nachher das Kloster von Franziskaner Nonnen hervorging. Das Kloster wurde unter dem Kaiser Joseph 1782 aufgehoben, und dessen Einkünfte dem Religionsfond einverleibt. Das Gebäude wurde verkauft und von dem jetzigen Besitzer sammt dem beträchtlichen, einzig schön gelegenen, Garten in guten Stand hergestellt, und ist nun in einen Belustigungsort mit Bierbrauerey umgewandelt. Die Aussicht in den Zimmern ist ungemein reizend auf die Stadt, hinüber ins Gäu, ins Ammerthal, und hinab ins Neckarthal.

Spur 1: Ein „ungemein reizende“ Blick hinüber zu Wurmlinger Kapelle

Das vorderösterreichische Rottenburg war – wie das nahe gelegene Rittergut Hirrlingen – katholisch. Deshalb wurde die Obere Klause in Rottenburg sowie

die Klause in Hirrlingen/Kloster am Kirchplatz 2 mit Pfarrkirche St. Martin nicht während der Reformation aufgelöst, sondern erst 1789, im Zuge der Josephinischen Kirchenreform. Gegründet wurde diese Schwesternniederlassung am 2. Februar 1358. Aber erst 1730 wurden sie erstmals in einem Ordensbericht des Dominikanerordens aufgeführt. 1741 folgte dann der Neubau ihres Klösterchens, in dem heute betreute Wohnungen und ein Eiscafé untergebracht sind.

Spur 2: Die Priorin Hyazinthe Luzin und eine Mitschwester an der Decke der Pfarrkirche St.Martin

Die Klause von Haigerloch/genauer Standort unbekannt

Obwohl Haigerloch zu Hohenzollern-Sigmaringen gehörte und demnach katholisch war, wurde die dortige Beginengemeinschaft bereits um 1550/60 aufgehoben. Urkundlich erwähnt wird sie 1363, über ihr Ende gibt es zwei Versionen. Zum einen heißt es in einem Schreiben des Bischofs Jakob Fugger von Konstanz vom 14. Januar 1610:

Die Klause in der Oberstadt „ist um dieselbe Zeit (1550) von sehr unordentlichen Schwestern bewohnt gewesen, die nicht nur den Eingesessenen, sondern auch noch mehr den Andersgläubigen im benach-barten Württemberg zum Aergenis waren. Durch ein ausgelassenes und leichtfertiges Leben ver-jubelten sie das Klostervermögen und verbrachten ganze Tage mit Essen und Trinkgelagen. Einige schlossen sogar schändlicherweise mit Landstreichern und Vagabunden Ehebündnisse und gingen mit ihnen durch… …Da hat dann die weltliche Obrigkeit, um wenigstens den Rest des Vermögens noch zu retten, diesen einem Verwalter unterstellt und die beiden letzten Schwestern im Kloster Gruol eingeschlossen.“

Im Gegensatz dazu gab eine der beiden letzten Nonnen bei einer Vernehmung am 18. November 1606 Folgendes an: „Vor 40 fünf oder mehr Jahren sei die Klause in Haigerloch durch Feuersnot laider in Abgang kommen.“

Spur 3: Der „Rest des Vermögens“ kam der neuerbauten Schlosskirche in Haigerloch zugute.

Wie auch immer es gewesen ist – von dieser Klause hat nichts die Jahrhunderte überdauert, genauso wenig wie von der

Schwestersammlung von Stetten bei Haigerloch/ genauer Standort unbekannt.

Genannt wird diese erstmals 1370, um 1550 stand sie leer, weil „eine dort grassierende Pest alle Schwestern bis auf eine dahingerafft“, wie es im oben genannten Schreiben heißt. Eine Archivale im Staatsarchiv Sigmaringen bringt uns eine der Schwestern näher, und zwar die Anna von Empfingen. Sie wurde als Jüdin geboren. Später nahm sie „durch die Güte des allmächtigen Gottes und mit Hilfe der Frau Margaretha von Bubenhofen“ den christlichen Glauben an. Sie wurde Begine, verließ später die Klause in Stetten und heiratete. Am 9. Juli 1524 bestätigte sie „ihrem ehelichen Manne Lienhart Richetzer von Feldkirch, dass obschon sie aus der Klause Stetten bei Haigerloch ausgetreten sei, ihr dennoch ihre Kleider und „Bettwatt“ ausgefolgt worden seien, weshalb sie auf alle Ansprüche verzichtet.“

Langweilig scheint das Leben in der Klause von Haigerloch und Stetten nicht gewesen sein. Ganz im Gegenteil! Orgien, Heirat, Feuersbrunst, Pest, Begine und Jüdin – Stoff für einen Bestseller.

Vom zollerischen Haigerloch ist es nicht weit ins württembergische Balingen. Nicht nur die politische Grenze trennte diese beiden Städte, sondern auch die Religion: In Hohenzollern war die Bevölkerung katholisch, in Württemberg evangelisch. Für die Balinger Beginen bedeutete dies, dass ihre Schwesterngemeinschaft mit der Reformation unter Herzog Ulrich von Württemberg aufgelöst wurde.

Spur 4: Der romanische Kirchturm der Friedhofskirche – ein Begleiter, gestern und heute

Welche Auswirkung die Reformation auf das Leben der einzelnen Klausnerin hatte, kann man am Schicksal der Schwesterngemeinschaft der Unteren Klause in Balingen /Friedhofskirche mit Friedhof nachvollziehen.
Die Beginen der Unteren Klause in Balingen wohnten bei der heutigen Friedhofskirche, der einstigen Pfarrkirche. Erstmal wird die Niederlassung 1430 erwähnt. Als sie 1537 abbrannte, wurden ihre Bewohnerinnen, die sich dem dominikanischen 3. Orden angeschlossen hatten, von den Schwestern in der Oberen Klause in Balingen aufgenommen, die Franziskanerinnen des 3. Ordens waren. Bereits zehn Jahre später ist diese gemeinsame Behausung im Zuge der Einführung der Reformation aufgehoben worden. Die Schwestern bekamen eine lebenslange Rente. Einige kehrten ins weltliche Leben zurück, andere blieben katholisch und zogen in die Klause ins nahe Engstlatt. Hier wohnten insgesamt sechs Beginen aus den aufgelösten Klausen aus Balingen, Engstlatt und Erzingen. Die letzte Schwester starb dort 1570.

Viele Spuren hinterließ auch die Klause auf dem Ofterdinger Berg/Friedhof von Ofterdingen
nicht. Immerhin erinnert heute die Bezeichnung „Nonnenweg“ noch an die Beginen. Er führt zum Friedhof auf dem Ofterdinger Berg hinauf, wo einmal die Pfarrkirche von Ofterdingen und Nehren gestanden hatte, bis sie 1567 abgebrochen wurde. Daneben war die Klause, in denen die Beginen Helena Gensler von Nehren, Rosina Bucher von Ofterdingen und Othilia Steiger einst gewohnt und gewirkt hatten, bis ihre Gemeinschaft 1565 aufgelöst worden war.

Spur 5: Figur auf dem Ofterdinger  Berg

Wer heute aufmerksam über den Friedhof geht, kann in der Friedhofsmauer eine verwitterte Sandsteinfigur entdecken, die von der alten Kirche auf dem Ofterdinger Berg stammen soll. Der offiziellen Lesart nach ist es ein schützender Engel. Es könnte aber auch ein Unheil abwehrender Dämon sein oder … Was auch immer die Figur darstellt, sie hat viel erlebt. Gottesdienste, Hochzeiten, Taufen, Beerdigung, Freud und Leid – und nicht nur das, sie wird auch die Beginen gesehen haben. Schade, dass sie nicht reden kann

Das Nonnenhaus in Tübingen/Beim Nonnenhaus 12 darf hier nicht fehlen, denn es ist eine wichtige Spur aus der Zeit der Beginen. Die Tübinger Beginen wurden zum ersten Mal im 14. Jahrhundert erwähnt. Nach ihrer Aufhebung in der Reformationszeit lebte hier der bekannte Botaniker Leonard Fuchs mit seiner großen Familie.

Das Nonnenhaus ist ein eindrucksvolles Fachwerkhaus in Tübingen. Noch heute bewahrt es die Erinnerung an die einstigen Bewohnerinnen, so führen etwa vom Mittelflur nach rechts und links zellenartige Räume ab, wohl die einstigen Zimmer der Beginen. Auch der Vorbau, das „Sprachhaus“,das auf Stelzen zum Ammerkanal hin gebaut wurde, stammt wissenschaftlichen Erkenntnisse nach aus der Erbauungszeit. Hier wurde aber nicht – wie man vielleicht von der Bezeichnung her vermuten könnte – gesprochen, geredet, diskutiert, theologisiert oder botanisiert. Nein, das Sprachhaus war das „stille Örtchen“, wo auch der Kaiser von China – ähm die Beginen – zu Fuß hin mussten.

Spur 6: Das Nonnenhaus in Tübingen mit Sprachhaus 2050 

Spur 7: FOLLOW YOUR DREAMS Beginen-Mode 2050 

Rundreise

Wer jetzt Lust bekommen hat, diese Orte einmal zu besuchen, startet am besten in Tübingen. Erste Station ist die Klausenkapelle St. Remigius in Rottenburg. Sie liegt oberhalb des Bahnhofs, in der Schadenweilerstraße.

Nach Hirrlingen folgt man der Schadenweilerstraße aufwärts bis zur L 385, die rechts nach Hirrlingen führt. In der Ortsmitte von Hirrlingen befindet sich die Pfarrkirche St. Martin mit dem Klösterchen.

Über Rangendingen erreicht man Haigerloch mit Schloss und Schlosskirche. An Stetten bei Haigerloch vorbei fährt man weiter nach Balingen zur Friedhofskirche (Friedhofweg 2). An der B27 nach Tübingen liegt noch der Ofterdingen Berg. Wer dorthin möchte, zweigt am Hotel Ochsen nach rechts ab. Der Nonnenweg führt hoch zum Friedhof auf dem Berg.

Quellen:

www.kloester-bw.de

Hohenzollerische Heimat, Zeitschrift des Hohenzollerischen Geschichtsverein 1956, S. 30

Festschrift zur Renovierung und Altarweiher St. Martinus in Hirrlingen, Hrsg. Kath. Kirchengemeinde St. Martinus Hirrlingen

Schwäbische Heimat, Zeitschrift des Schwäbischen Heimatbundes 2008

Staatsarchiv Sigmaringen FAS DH 1 T 1-6 R 78,278 U 648

Hauptstaatsarchiv Stuttgart A 410 U 8

Hauptstaatsarchiv Stuttgart A 410 Bü 2, 2

Hauptstaatsarchiv Stuttgart A 410 Bü 2, 3