Damit noch viel mehr Frauen sagen können: „Ich kann hier bleiben, solange ich es selbst kann.“

Beginenhäuser, die nachhaltig Wohnraum für viele Frauengenerationen schaffen, entstehen nicht von selbst. Sie brauchen Frauen, die den ersten Schritt (und viele weitere) gehen, und eine Stiftung, die Wissen, Beratung und die Struktur für eine gemeinnützige GmbH mitträgt. Denn durch Gründung einer gGmbH bleiben Beginenhäuser und Beginenhöfe dauerhaft in Frauenhand. Im nachfolgenden Interview zeigen wir, warum sich dieser Einsatz lohnt.

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Wie lebt es sich in einem Beginenhaus?

Seit Dezember 2012 ist Renate im Beginenhaus Mauerstraße in Tübingen zuhause     – einem sanierten Haus von 1899 am Rand der Altstadt, in dem sieben alleinstehende Frauen gemeinsam und doch jede für sich wohnen. Beim Einzug war Renate 63 Jahre alt. Im Interview mit der Beginenstiftung erzählt sie, wie sie vom Einfamilienhaus zum Beginenhaus fand und wie sich das Leben in einem gemeinschaftlichen Frauenwohnprojekt anfühlt.

Renate, du lebst mittlerweile seit 14 Jahren im Beginenhaus Mauerstraße. Gab es einen Moment, in dem du besonders gespürt hast: Das war die richtige Entscheidung?

Das Gefühl hatte und habe ich eigentlich die ganze Zeit. Ich habe noch nie gedacht, es war falsch, oder es wäre anders besser gewesen. Die Idee kam mir gar nicht. Wenn ich von außen gefragt werde, sage ich immer: Es war die richtige Entscheidung. Ich lebe sehr gerne hier.

Bevor du im Beginenhaus eingezogen bist – wie sah dein Weg hierher aus?

Ich war verheiratet, hatte zwei Kinder und habe mich Mitte 40 scheiden lassen. Das war 1995. Ich bin dann zuerst in ein 20-Quadratmeter-Zimmer gezogen. Von einem Haus mit allem in 20 Quadratmeter – das war schon knapp. Aber ich wusste, es ist ein Übergang. 1997 bin ich dann nach Ulm gezogen, für die Arbeit, und kam in ein Schwesternwohnheim: ein Einzimmerapartment, vielleicht 30 Quadratmeter, mit eingebauter Bettnische, kleiner Küche, kleiner Dusche und einer großen Terrasse mit Blick ins Blautal. Der Ausblick war wunderbar. Diese Übergangslösung war im Grunde gut.

30 Quadratmeter als Übergangslösung – hast du nie gedacht, du brauchst mehr Platz?

Eigentlich nicht. Erst als eine Bekannte am Telefon sagte: „Da hast du ja einen totalen sozialen Abstieg gemacht! Wann ziehst du da aus?“ – da habe ich gedacht: Hm, im Moment habe ich gar keine Ambitionen. Ich fand es in Ordnung. Ich brauchte nicht mehr. Ich wusste nur, dass ich dort ausziehen muss, sobald ich aufhöre zu arbeiten.

Das Tübinger Schloss immer im Blick: Aussicht aus Renates Wohnung

Und wie kam dann das Beginenhaus ins Spiel?

Meine Tochter hat schon Jahre vorher immer wieder gefragt: „Mama, was machst du, wenn du aufhörst zu arbeiten? Wo gehst du dann hin?“ Ich habe mir in Ulm ab und zu Wohnungen angeschaut, aber es war nie das, wo ich dachte: Genau da will ich sein. Dann hat eine Bekannte gesagt: „Du, in Tübingen gibt es eine Beginengruppe, die wollen eine Gemeinschaft gründen.“ Ich habe angerufen, bin hingefahren, wir sind in dieses alte unrenovierte Haus gegangen und ich dachte: Das ist es. Das passt. Und: Tübingen kannte ich, die Stadt gefiel mir.

Du hast über Jahre sehr reduziert gelebt. Was hast du mitgebracht in deine Wohnung im Beginenhaus?

Ich hatte einiges eingelagert: Möbel von einem Bekannten, alte Stühle und einen fast hundert Jahre alten Tisch aus meinem Elternhaus. Und aus dem Wohnheimapartment ein Bett, das eine Freundin und ich selbst gebaut hatten Das kam dann alles mit hierher.

Gibt es etwas aus dem früheren Leben im Einfamilienhaus, das du bis heute vermisst?

Den Garten, ja, den Garten vermisse ich. Das Haus selbst nicht. Das Witzige war: Wir hatten unser altes Haus gerade erst fertig renoviert – es war wirklich schön geworden – und dann bin ich ausgezogen. Aber das Haus an sich herzugeben, das war für mich nicht schwer. Ich sehe es jetzt rundherum, was es bedeutet, ein großes Haus zu haben, wenn die Kinder weg sind. Was macht man mit dem Garten? Mit den Räumen? Wenn ich älter werde, kann ich das alles gar nicht mehr bewirtschaften. Das wäre für mich auch ein Argument für eine Frau, die überlegt: Denk mal zehn Jahre weiter.

Wenn wir auf die Gemeinschaft in einem Beginenhaus schauen: Kann die auch einengend sein?

Es gab Zeiten – das muss ganz am Anfang gewesen sein –, da habe ich mich überfahren gefühlt. In Besprechungen konnte ich manchmal nicht einbringen, was ich dachte. Als Krankenschwester war ich es gewohnt, schnell zu entscheiden. Hier wurde alles länger besprochen. Da habe ich gemerkt, dass ich eher eine Macherin bin. Aber das hat sich mit der Zeit eingespielt.

Woran reibt man sich im Alltag?

Es ist wie in einer Familie: Es sind die Kleinigkeiten, die nicht zugeschraubte Zahnpastatube, bildlich gesprochen. Wir sind einfach sehr unterschiedlich. Manche wollen es sehr ordentlich – mir ist das nicht so wichtig. Dafür bin ich beim Geld eher sparsam.

Wenn Frauen sich nicht vorstellen können, ihr klassisches Einfamilienhaus gegen deutlich weniger Quadratmeter in einem Beginenhaus einzutauschen: Was würdest du ihnen sagen?

Das ist schwierig, wenn jemand sehr auf diese Größe eingeschworen ist. Denn es muss eigentlich so sein, dass die Gemeinschaft das ist, was einen trägt, nicht die Quadratmeter. Was mir aber damals in unserer Anfangsphase beim Frauen-WohnTisch hier in Tübingen aufgefallen ist: Dass sich viele ältere Frauen für unser Projekt interessiert haben, dann aber sagten: „Nein, das Haus habe ich mit meinem Mann gebaut, das soll mein Enkel kriegen.“ Dieses Haus an sich herzugeben oder sich vorzeitig von dem zu trennen, das war für viele ganz schwierig. Diese Frauen sind dann auch aus dem Projekt wieder ausgestiegen.

Hat sich dein Verhältnis zu Besitz durch die Jahre verändert?

Im Grunde brauche ich nicht viel. Wenn ich mir etwas anschaue und denke „Brauche ich das?“ – dann ist die Antwort meistens nein. Also kaufe ich es nicht. Was sich bei mir allerdings immer ansammelt, sind Bücher. Die kommen immer wieder, obwohl ich sie regelmäßig wieder hergebe.

Im Beginenhaus Mauerstraße leben noch immer dieselben Frauen, die 2012 gemeinsam eingezogen sind. Glaubst du, dass die Gemeinschaft euch fitter hält als Frauen, die z. B. allein in einem Haus leben?

Wahrscheinlich schon. Ich sehe es in meinem Umfeld, dass manche auf einmal schnell alt geworden sind, auch vom Kopf her. Das hat mich erschreckt. Auch, dass man kaum noch Kontakte hat.

Was sollte eine Frau, die dieses Interview liest, auf jeden Fall daraus mitnehmen?

Dass so eine Wohngemeinschaft es wert ist. Dass es sich lohnt, in so ein Projekt einzusteigen. Ich habe hier die Gewissheit: Ich kann bleiben, solange ich es selbst kann. Und dann ist da noch etwas – ich komme aus einem Dorf, und dort war es so: Wenn man vor dem Haus etwas gemacht hat, kam jemand vorbei und sagte zum Beispiel: „Tust du kehren?“ Man sagte ja, und dann ging derjenige wieder weiter. So ist das für mich auch hier im Haus. Dieses beiläufig Freundliche, ohne dass man gleich eine große Geschichte anfangen muss. Ich habe eine tolle Umgebung, kann meine Tür zumachen, wenn ich Ruhe brauche, aber ich bin eben nie ganz allein.

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