Im Dezember 2012 bezogen sieben Frauen das frisch renovierte Beginenhaus am Rand der Tübinger Altstadt – im April 2013 feierten sie offiziell den Einzug. Ingrid Gerth, Gründungsstifterin, ist eine von ihnen. 2023 teilte sie, anlässlich des 10-jährigen Jubiläums, ihre Erfahrungen mit dem gemeinschaftlichen Wohnen in einem Beginenhaus.
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Beginenhäuser entstehen nur, wenn Frauen den Mut haben, den ersten Schritt zu gehen – und andere sie dabei unterstützen.
Wohnmodelle für Ältere
von Ingrid Gerth

Außenansicht des Beginenhauses Mauerstraße
„Seit zehn Jahren wohne ich mit sechs Frauen in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt und habe es noch keinen Tag bereut!
Die anderen offenbar auch nicht, denn es ist noch niemand ausgezogen. Über gemeinschaftliches Wohnen wird ja viel Negatives geredet: ständig Streit und viele Sticheleien! Und tatsächlich ist es nicht das Paradies auf Erden. Es gibt Unverträglichkeiten, Meinungsverschiedenheiten, auch mal Krach. Aber für mich überwiegt das Positive bei Weitem.

Kaffeerunde im Gemeinschaftsraum
Erst am Pfingstsonntag haben wir uns zu einer entspannten Runde bei Kaffee und Kuchen in unserem kleinen, aber feinen Garten getroffen und über Gott und die Welt geredet. Und das passiert nicht nur an Feiertagen, sondern zweimal pro Monat. Unser kleines Fest zum zehnjährigen Jubiläum war sehr gelungen. Wir sind alle älter. Und wir altern unterschiedlich und machen unterschiedliche Erfahrungen. Der Austausch darüber ist für mich immer sehr bereichernd – und auch der Austausch über ganz banale Dinge, zum Beispiel wo es gerade die besten Balkonpflanzen gibt oder den wirksamsten Entferner von Kaffeeflecken, erleichtert das Leben.
Es sind gerade die unspektakulären Alltagsdinge, über die zu reden guttut und zum Gefühl der Zusammengehörigkeit beiträgt.
Und weil wir uns in Notsituationen gegenseitig helfen, zum Beispiel bei Krankheit oder nach einem Krankenhausaufenthalt, entsteht auch ein Gefühl von Sicherheit, das ich so nicht kannte, als ich noch in meiner viel zu großen Wohnung lebte.
Überhaupt meine Wohnung.
Ich habe früher in einer Wohnung so groß wie ein Einfamilienhaus gewohnt und mich um fast zwei Drittel der Fläche verkleinert. Das war gar nicht schwer. Denn im Urlaub fühle ich mich auf noch weit weniger Fläche wohl. Meine jetzige Wohnungsgröße von 58 Quadratmetern empfinde ich als Luxus, den ich sehr genieße – ein wunderbarer Rückzugsort. Woanders möchte ich nicht wohnen.

Blick ins Treppenhaus der Mauerstraße
Im Haus treffen wir uns regelmäßig jede Woche und sehen uns immer wieder im Treppenhaus. Wir sind nicht wie eine große Familie, jede hat ihre Eigenständigkeit. Und doch sind wir in den 10 Jahren unseres gemeinschaftlichen Lebens ein Stück vertraut miteinander geworden.
Wir sind frei und bilden ein Sicherheitsnetz füreinander. Und was besonders zur Sicherheit beiträgt: Unser Haus ist altersgerecht.

Wir werden alle älter. Die Zeit zwischen Ende der Berufstätigkeit und Pflegeheim wird immer länger. Ich kann nur jeden älteren alleinlebenden Menschen ermutigen, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen und nicht auf den Staat oder sonst wen zu vertrauen. Schafft euch mit Gleichgesinnten ein gemütliches Zuhause für das ‚beste Alter‘. So könnt ihr gemeinsam selbstbestimmt alt werden:
Ihr seid frei, aber nicht allein.“
Mehr über das Tübinger Beginenhaus Mauerstraße
Das Beginenhaus Mauerstraße
Entstehungsgeschichte – das Haus im Überblick.
Wie lebt es sich in einem Beginenhaus?
Renate aus der Mauerstraße erzählt von ihrem Alltag. (Gespräch vom Frühjahr 2026)
Beginenhauseröffnung am 19. April 2013
Im Salzstadl wurde mit vielen Wegbegleiter:innen der geglückte Umbau gefeiert (Bericht vom April 2013)
„Ein Beginenhaus kann 500 Jahre bestehen.“
Ingrid Gerth über die Idee hinter der Stiftung – ein Interview mit der Gründungsstifterin der Beginenstiftung.

