Als Petra Matria zum ersten Mal vom Beginenwohnen hört, denkt sie: „Das geht noch nicht.“ Heute lebt sie auf dem Beginenhof in Blaubeuren-Wennenden. Dazwischen liegt eine Zeit des Suchens, Planens und gemeinsamer Entscheidungen. Die Geschichte dieses Ortes erzählt davon, was entstehen kann, wenn Frauen ihr Älterwerden selbst in die Hand nehmen – und andere bereit sind, diesen Weg zu unterstützen.

Vom ersten Gedanken zum neuen Zuhause
Als eine Freundin Petra Matria erstmals vom Beginenwohnen erzählt, lebt sie gerade wieder im Elternhaus. Ihre Mutter will zu Hause sterben. Diese Entscheidung und das gemeinsame Unterwegssein sind eindeutig prägend. Ein Umzug kommt zu diesem Zeitpunkt nicht infrage. Nach dem Tod ihrer Mutter begegnet ihr die Idee erneut: Eine andere Freundin berichtet von Frauen, die in einer ländlichen Region Süddeutschlands überlegen, einen Beginenhof zu gründen.
Petra Matria greift zum Telefon. Ursa Illgen, eine der Initiatorinnen, meldet sich. „Nächsten Mittwoch treffen wir uns“, sagt sie. Petra Matria fährt nach Blaubeuren-Wennenden. „Das war so mein Einstieg.“ Es ist März 2015.
Heute stehen in Wennenden vier kleine Häuser mit einer Grundfläche von jeweils 43 bis 50 Quadratmetern. Wie eine Wagenburg fügen sie sich in das weitläufige Grundstück ein. Dass sie dort stehen, ist das Ergebnis eines langen gemeinsamen Weges.

Eine andere Vorstellung vom Leben
Ein lang gehegter Plan war es nicht, dass Petra Matria einmal in einer spirituell geprägten Gemeinschaft auf einem Beginenhof leben würde. „Aber das Traditionelle mit Familie und Kindern“, sagt sie, „irgendwie ist das nicht so meins.“
Wenn sie darüber nachdenkt, fallen ihr zwei Frauen aus ihrer Kindheit ein. Da war ihre Großmutter. Das Haus war immer voller Leben. Sie versorgte alle, kochte leidenschaftlich gern, organisierte und hielt die Familie zusammen und arbeitete bis zu ihrem 76. Lebensjahr auf der Post in ihrem Heimatdorf nahe Leipzig.
Und dann war da Ahni, ihre Großtante. „Ich bin eure Ahne“, sagte sie immer. Aus „Ahne“ wurde irgendwann „Ahni“. Beide Frauen lebten in ihrem Elternhaus. Ahni war naturverbunden, liebte Kräuter, sie war eine sehr spirituelle Frau. Vor allem aber hatte Petra Matria den Eindruck, dass Ahni ihr Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten konnte. „Ich hab gemerkt, mich hat’s zu Ahni hingezogen.“
Vorausschauend die Weichen stellen
Rechtzeitig zu überlegen, wie man später leben möchte – darin sieht Petra Matria die eigentliche Herausforderung. Beruflich erlebt sie immer wieder, dass ältere Menschen erst nach einer Lösung suchen, wenn das Haus zu groß geworden ist oder die Kräfte nachlassen. „Frauen leben oft jahrzehntelang allein in ihren Häusern – bis es irgendwann nicht mehr geht. Für die meisten ist das sehr, sehr bitter.“
Als Petra Matria 2015 zum ersten Mal nach Blaubeuren-Wennenden kommt, gibt es dort noch keinen Beginenhof. Aber es gibt eine Gruppe von Frauen, die gemeinsam überlegen, wie sie zukünftig leben möchten.
Ein Beginenhof entsteht?

In Wennenden, einem Ort mit rund 100 Einwohnern, leben bereits drei Frauen seit den 1980er-Jahren gemeinsam in einem Haus auf einem großen Grundstück. Eine davon ist Ursa Illgen, eine der Initiatorinnen für das Beginenwohnen. Ihre Vision: Hier wäre Platz für eine größere Frauengemeinschaft. Auf dem Grundstück befindet sich auch das „Frauenheilehaus“, in dem schon seit vielen Jahren feministisch matriarchale und spirituelle Seminare stattfinden.
Bis zu 16 Frauen besuchen in der Anfangsphase die Treffen für das Beginenwohnen. Von Beginn an geht es um weit mehr als Baupläne oder Finanzierungsfragen: Wie wollen wir miteinander leben? Wie treffen wir Entscheidungen? Wie gehen wir mit Unterschieden um? Und was braucht es, damit Gemeinschaft auch dann trägt, wenn das Leben nicht nur leicht ist?
Petra Matria erinnert sich an diese Zeit als intensiven gemeinsamen Suchprozess. Niemand bringt ein fertiges Konzept mit. Vieles entsteht erst im Miteinander. Ideen werden verworfen, neue kommen hinzu. Ob am Ende tatsächlich ein Beginenhof entstehen wird, weiß damals keine der Frauen.
Aus Veränderungen entstehen neue Ideen
Mit der Zeit wird die Gruppe kleiner: Aus 16 Frauen werden irgendwann fünf. Gemeinsam planen sie ein zweigeschossiges Wohnhaus – ein einstöckiges Gebäude reicht für fünf Frauen nicht aus. Doch wie lässt sich das finanzieren? Was ist mit den Folgekosten, etwa für einen Aufzug? Hinzu kommt: Der Bauplatz hat aus Immissionsgründen einen besonderen Zuschnitt.
Dann verlässt eine weitere Frau die Gruppe, und das Projekt steht auf dem Prüfstand. Doch gerade diese Krise verändert den Blick: Zur Gemeinschaft gehören ja nicht nur die vier künftigen Bewohnerinnen. Auch die drei Frauen, die bereits auf dem Gelände leben, tragen das Projekt mit. Gemeinsam sind sie zu siebt. Es kann weiter gehen.
Die Wende zum heutigen Hauskonzept bringt schließlich ein einziger Satz. Eine der Frauen sagt: „Wenn ich schon so weit draußen auf dem Land leben werde, dann will ich mein eigenes Holzhäuschen.“ Aus dem zweigeschossigen Gebäude werden vier einzelne Häuser. Gemeinsam mit einem Architektenbüro entstehen vier Häuser in Holzständerbauweise. Sie passen genau auf die verfügbare Fläche, und jede Frau gestaltet ihren Grundriss nach eigenen Vorstellungen.


Ein gemeinsamer Kraftakt
2019 sind die vier Häuser fertig. Den sieben Frauen ist es gelungen, den Beginenhof ganz ohne Bankdarlehen zu finanzieren.
Das größte zinsfreie Privatdarlehen stammt von Sirilya Dorothee von Gagern durch den Verkauf ihres Hauses. Auch Petra Matria beteiligt sich über die zu leistende Einlage von 50.000 € hinaus, „obwohl es eigentlich recht knapp war.“ Aber: „Das passte und war irgendwie selbstverständlich. Wenn wir das realisieren wollen, dann brauchen wir das Geld – und wir müssen schauen: Wer hat es, und wer gibt es uns? Und ich bekomme das Geld jetzt monatlich zurück.“
Auch die Gemeinde Blaubeuren gehört zu den Unterstützerinnen: Nachdem die Frauen ihr Konzept im Gemeinderat vorgestellt haben, entscheidet dieser einstimmig, das Vorhaben finanziell zu fördern. Zur Einweihung bringt der Bürgermeister einen großen gebackenen Schlüssel aus Hefeteig mit.
Viele, die Geld geben oder Privatdarlehen zur Verfügung stellen, kennen die Frauen persönlich – es sind über Jahre gewachsene Frauennetzwerke, die sich beteiligen. Die Frauen schreiben auch Spendenbriefe, suchen aktiv nach weiteren Unterstützer:innen.


Tragfähig statt idyllisch
Mit Einzug beginnt ein neuer Abschnitt. Das weitläufige Gelände mit seinem Baumbestand, den blühenden Terrassen und den versteckten kleinen Kunstwerken wirkt gerade im Sommer besonders idyllisch. Und welches Wort passt für das Miteinander? „Das Wort idyllisch würde ich gar nicht verwenden“, sagt Petra Matria. „Für mich wäre das Wort: tragfähig.“ Natürlich gibt es auch im Beginenhof unterschiedliche Meinungen und Reibungen. Nicht, dass alle einer Meinung sind, sei wichtig, sagt Petra Matria. Sondern wie die Frauen mit ihren Unterschieden umgehen.
Alle vier Wochen treffen sie sich zum Plenum. Dort werden anstehende Fragen gemeinsam besprochen und Entscheidungen im Konsens getroffen. „Ich würde es nicht so sehen, ich würde es nicht so machen – aber ich kann es so stehen lassen“, so beschreibt es Petra Matria. „Konsens heißt ja nicht, dass alle hurra rufen und begeistert sein müssen.“
Auch bei der Spiritualität gehen die Frauen unterschiedliche Wege. Entscheidend ist für Petra Matria, dass jede ihren eigenen Zugang hat. Gerade diese Unterschiedlichkeit nimmt sie als Stärke der Gemeinschaft wahr.


Übermütig alt werden

Die sieben Frauen, die heute in Blaubeuren-Wennenden leben, sind zwischen 68 und 85 Jahre alt. Was bedeutet es für sie, gemeinsam älter zu werden? Für Petra Matria hat die Antwort nichts mit Rückzug zu tun. Und auch nichts mit dem Wunsch, dass alles so bleibt, wie es ist. Die Frauen in Wennenden sprechen lieber davon, „übermütig alt zu werden“. „Es muss was Närrisches dabei sein“, sagt Petra Matria. „Das öffnet dann die Türen.“ Offen bleiben. Pläne machen. Verantwortung übernehmen. Auch das gehört für Petra Matria zum Älterwerden.
Ein Beginenhof nimmt den Frauen das Älterwerden nicht ab. Aber er schafft einen Rahmen, in dem sie ihr Leben selbst gestalten können – miteinander und doch jede auf ihre Weise.

Damit aus Ideen Orte werden
Der Beginenhof Blaubeuren-Wennenden ist in Kooperation mit der Beginenstiftung entstanden. Seine Rechtsform als gemeinnützige GmbH sorgt dafür, dass dieser Ort auch künftigen Frauengenerationen als sicheres Zuhause erhalten bleibt. Als Teil der Gemeinwohlökonomie ist er dauerhaft vor Verkauf und Spekulation geschützt.
Die Stiftung begleitet Frauen dabei, neue Beginenhöfe und Beginenhäuser auf den Weg zu bringen. Damit diese Arbeit weitergehen kann, braucht sie Menschen, die die Beginenstiftung mit einer Spende oder Zustiftung, als Privatperson im Freundeskreis oder im Förderkreis der Unternehmen unterstützen.
Denn aus einer Idee wird nur dann ein Ort zum Leben, wenn Frauen den Mut haben, den ersten Schritt zu gehen – und andere bereit sind, sie dabei zu unterstützen.

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Sieben Frauen unter fünf Dächern – das Projekt im Überblick.
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Und wie lebt es sich in einem Beginenhaus?
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