„Ein Beginenhaus kann 500 Jahre bestehen.“

Wie aus einer Fernsehserie, einem Seminar und einem Freiburger Vorbild eine Stiftung wurde, die Wohnraum dauerhaft in Frauenhand sichert – und warum es sich lohnt, bei einem Beginen-Wohnprojekt dabei zu sein. – Interview mit Gründungsstifterin Ingrid Gerth


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Wie alles begann

Ingrid Gerth hat die Beginenstiftung 2003 gegründet. Heute leben alleinstehende Frauen in Beginenhäusern in Tübingen-Hagelloch und in der Tübinger Mauerstraße sowie im Beginenhof in Blaubeuren-Wennenden. Im Gespräch mit der Stiftung blickt sie zurück auf die Anfänge und nach vorn auf das, was noch entstehen soll.

Gründungsstifterin Ingrid Gerth wirbt im Jahr 2006 auf einer Messe für ein zweites Beginenhaus in Tübingen.

2006: Seit drei Jahren gibt es die Beginenstiftung, seit zwei Jahren in Tübingen-Hagelloch das erste Beginenhaus und Gründungsstifterin Ingrid Gerth plant bereits ein zweites Beginenhaus. Diesmal für ältere, alleinlebende Frauen und in der Rechtsform einer gGmbH.

Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, eine Stiftung zu gründen – und sie mit genau diesem Inhalt zu füllen?

Ingrid Gerth: Mir ist irgendwann klar geworden: Ich möchte im Alter nicht ganz allein wohnen. Ich habe immer allein gewohnt, und das war völlig in Ordnung – aber für das Alter hatte ich den Eindruck, das wird nicht mehr wirklich gut gehen. Dann habe ich im SWR eine Miniserie gesehen, „Das dritte Leben“, da ging es um gemeinschaftliches Wohnen. So bin ich damit bekannt geworden. Fast gleichzeitig gab es an der Evangelischen Akademie Bad Boll ein Seminar über Beginen. Das hat mich interessiert, gerade wegen der Nachhaltigkeit: Die Beginen waren im Mittelalter über Jahrhunderte wichtig. Irgendwann war mir klar: Ich will eine Stiftung gründen, weil eine Stiftung so nachhaltig ist. Und dann kam die Kenntnis über das Freiburger Mietshäuser Syndikat dazu und ich habe das miteinander verbunden. Das war genau die richtige Rechtsform für das, was ich wollte.

Das war 2003, da war das Freiburger Mietshäuser Syndikat noch viel weniger verbreitet als heute.

Ja. Ich war total begeistert, weil ich dachte: Das ist genau das. Ich habe mit den Freiburgern geredet, ob sie etwas dagegen hätten, wenn ich ihr Modell ein bisschen gewandelt übernehme. Einer der Mitbegründer, Stefan Rost, hat mich immer ermutigt. Wir machen es nun bei der Stiftung mit dem ‚Tübinger Modell‘ sehr ähnlich – nur das, was beim Mietshäuser Syndikat das Syndikat tut, das tut bei uns die Stiftung.

Was hat dich vor der Gründung am meisten bewegt – die Angst vor Einsamkeit?

Ich habe mich nie einsam gefühlt, das war nicht mein Hauptpunkt. Es war eher das Solidarische: dass man Dinge gemeinsam bewältigen kann. Und auch wenn im Alter irgendwann alle mehr Hilfe brauchen, es ist immer noch sehr, sehr viel besser, als wenn wir alle allein leben würden.

Das Haus in der Mauerstraße 3 im Urzustand im Jahr 2010 vor der Sanierung

2010 ist die Suche der Projektgruppe endlich erfolgreich: Die Stadt Tübingen verkauft an die gGmbH Mauerstraße das Haus in der Tübinger Mauerstraße 3. Gesellschafterinnen sind zu 51% die 7 Bewohnerinnen, organisiert als Hausverein und zu 49% die Beginenstiftung.

Eine Hommage an tolle Frauen

Was hat damals bei den ‚Beginen‘ bei dir „angedockt“?

Ich hatte nie das Bedürfnis, die historischen Beginen zu kopieren, es ging mir um diesen einen Aspekt des gemeinschaftlichen Wohnens. Unsere Beginenhäuser vertreten keine bestimmte Religion, und auch das „Versprechen“, das die Beginen damals ablegten, war bei uns nie vorgesehen. Der Name der Stiftung ist eher eine Hommage an diese tollen Frauen. Die haben ganze Stadtviertel bewohnt und geprägt.

Die Beginenhäuser, die in Kooperation mit der Stiftung entstehen, können ja sehr unterschiedlich sein – in Blaubeuren-Wennenden verbindet die Frauen zum Beispiel auch ein spiritueller Hintergrund.

Und ich denke, das war dort ein Vorteil. Das gemeinschaftliche Wohnen bringt Verbindung, vor allem die Bauphase. Aber es ist günstig, wenn eine Gruppe darüber hinaus noch einen gemeinsamen Schwerpunkt hat. In der Mauerstraße gibt es diesen spirituellen Hintergrund nicht. Aber die Stiftung macht den Frauen keine Vorschriften, wie sie zusammenleben sollen.

Es gibt viel zu tun: Das zukünftige Beginenhaus in der Mauerstraße stammt aus dem Jahr 1899 und muss vollständig saniert, energetisch modernisiert und in seinen Grundrissen an die Bedürfnisse der Frauengruppe angepasst werden.

Das Tübinger Modell: Wem gehört eigentlich ein Beginenhaus?

Viele kennen nur „ich kaufe“ oder „ich miete“. Beim ‚Tübinger Modell‘ gehört das Haus einer gemeinnützigen GmbH. Wie erklärst du das?

Das ‚Tübinger Modell‘ ist genossenschaftlich gedacht, aber in der Rechtsform der gemeinnützigen GmbH, die ist einfach viel leichter zu gründen. Für Menschen, die nur personengebundene Rechtsformen kennen, ist das erst mal schwierig zu verstehen. Aber auch ein Verein gehört keiner Person, eine GmbH und eine gGmbH auch nicht: Die gehören sich tatsächlich selbst. Sie haben einen Vorstand, der die Arbeit macht, aber sie gehören sich selbst. So ist das auch mit dem Beginenhaus in der Mauerstraße: Es gehört der gemeinnützigen GmbH – und nicht uns Bewohnerinnen. Die Arbeit erledigt der Hausverein, der dafür den sogenannten Geschäftsbesorgungsauftrag hat.

Bei den von dir veranstalteten WohnTischen ist das für viele Frauen durchaus ein Aha-Moment: Wer einmal drin ist in einem Beginenhaus / in einem Beginenhof, kann bleiben, solange es ihr selbst möglich ist. Worauf gründet diese Sicherheit?

Wenn man in einer gemieteten Wohnung nicht sicher ist, liegt das daran, dass ein Vermieter Eigenbedarf anmelden kann. Die gGmbH kann das nicht. Sie ist eine Organisation, die kann nicht sagen: Ich will die Wohnung haben. Sie hat keine Kinder und keine Enkel. Die Stiftung ist eine Gesellschafterin der gGmbH. Sie sorgt dafür, dass ein Beginenhaus nicht verkauft, nicht in Privateigentum umgewandelt werden kann und so auf Dauer gegen Spekulation und Weiterverkauf geschützt ist. Das ist für mich der wichtigste Aspekt der Gemeinwohlorientierung.

Röhrenfernseher und ausrangierte Matratze: der Dachboden in der Mauerstraße vor der Sanierung

Selbstorganisation: viel Freiheit, echte Arbeit

Was muss einer Frau klar sein, die sich für ein Beginenhaus interessiert – im Guten wie im Anstrengenden?

Es muss klar sein: Die Stiftung arbeitet nicht, damit so ein Haus entsteht, das muss die Gruppe selber machen. Die Stiftung berät, aber Beratung ist nicht Umsetzen.

 Was ist das Gute an diesem hohen Grad an Selbstorganisation?

Ich persönlich würde sagen: Freiheit. Ich kann mit den anderen zusammen ganz viel bewirken und meine Vorstellungen verwirklichen. Natürlich gibt es Sachzwänge, gerade weil Bauen mittlerweile so teuer ist. Aber es ist niemand da, der mir etwas vorschreibt. Nicht alle finden das schön – manche finden es anstrengend. Aber wichtig ist auch: Man muss nicht alles selbst machen. Manche denken, sie müssten nachher die Wände streichen. So ist es nicht. Die Gruppe ist über die gGmbH die Bauherrin, sie beschäftigt die Handwerker und kann sich alle Hilfen holen. Ich sage immer: Sehr früh sollte auch schon ein Architekt oder eine Architektin dabei sein.

Im Herbst 2011 startet die Sanierung der Mauerstraße. Es sollen 7 Zwei-Zimmer-Wohnungen und 3 Appartements für Studentinnen geschaffen werden sowie Gemeinschaftsflächen und 2 Gästezimmer.

Welche Haltungen und Fähigkeiten helfen, damit aus einer Startergruppe eine verbindliche Projektgruppe wird?

Ein paar Eigenschaften sind wirklich günstig: Mut. Lust, etwas zu bewirken. Spaß an Aktivität. Und ein gewisser Optimismus – den braucht man gerade bei der Finanzierung. Dieser Optimismus sollte dieBedenken übersteigen, ohne dass man blauäugig wird. Man sollte die Schwierigkeiten sehen, sich Stufen setzen und an jeder Stufe entscheiden: Kann es weitergehen oder nicht? Sprichwörter wie „Kommt Zeit, kommt Rat“ oder „Man wächst mit seinen Aufgaben“ haben da durchaus ihren Sinn. Und man sollte es auf jeden Fall probieren, denn wenn man es nicht probiert, kann auf jeden Fall nichts entstehen.

In 2012 kann Richtfest gefeiert werden…

Finanzierung als solidarischer Akt

Wo siehst du bei der Finanzierung eines Beginenhauses oder Beginenhofs derzeit die größten Herausforderungen?

Da geht es uns nicht anders als anderen Projekten: Neubauen ist im Moment kaum finanzierbar, selbst für einige Genossenschaften. Umso wichtiger ist mir: Projekte wie Beginenhäuser bzw. Beginenhöfe in Kooperation mit der Stiftung sind dauerhaft dem Markt entzogen. Das finde ich derart wichtig, dass ich denke, man kann es Frauen zumuten, die gut situiert sind, einen Teil ihres Vermögens einzubringen. Das ist ein solidarischer Akt – und es geht ihnen ja nichts verloren. Das verstehen die Frauen auch, und das ist ihnen wichtig. Ansonsten muss man politisch hartnäckig bleiben, dass gemeinschaftliches Frauenwohnen in Baden-Württemberg auch in der sozialen Wohnraumförderung ein Thema wird.

 Bei einem Beginenhaus/Beginenhof investieren die Beteiligten Zeit und Kapital in etwas, von dem auch viele Frauen nachfolgender Generationen profitieren. Wie kommt dieser Gedanke an?

Zunächst steht natürlich das persönliche Bedürfnis im Vordergrund: wohnen, und mit anderen zusammenwohnen. Aber für die meisten ist es ein angenehmer Zusatznutzen, dass es weitergeht und nicht mit ihnen endet. Ich persönlich schätze das inzwischen ganz besonders. Für mich ist das ein starker Ausdruck von Solidarität.

… und im Dezember 2012 ziehen die 7 Frauen in der Mauerstraße ein. Auch wenn noch nicht alles fertig ist.

Mauerstraße 3 vor der Sanierung

Mauerstraße 3 nach der Sanierung

Der Blick nach vorn

Was wünschst du dir für die Beginenstiftung in den kommenden Jahren und Jahrzehnten?

Ich fände es sehr schön, wenn noch diverse Projekte entstehen würden. Viele Frauen sind heute auf prekäre Weise berufstätig und haben dadurch geminderte Renten – Spitzenpositionen sind für Frauen immer noch rar. Für diese Frauen soll die Stiftung dann auf dem Wohnungsmarkt wahrnehmbar sein: dass man sich an sie wenden kann, wenn man gemeinschaftlich wohnen will. Und ich habe mal gesagt: So ein Beginenhaus kann 500 Jahre bestehen. Diese Perspektive fasziniert.

Wenn eine Frau dieses Interview liest: Was sollte sie als Essenz mitnehmen?

Dass es sich lohnt, so ein Projekt anzugehen und mitzumachen. Man kann mit anderen etwas bewirken, selbst sehr aktiv werden und seine Vorstellungen verwirklichen. Und man arbeitet an etwas mit, das zukunftsweisend ist, weil Beginenhäuser zu den gemeinwohlorientierten Gütern gehören. So trägt man ein kleines bisschen zur Überwindung des Raubtier-Kapitalismus bei.

  • Vorderseite /Nordseite des Beginenhauses Mauerstraße mit der roten Eingangstür

    2013 wird die offizielle Eröffnung des Beginenhauses Mauerstraße im April mit einem „Tag der offenen Tür“ gefeiert.

 

 

 

 

 

 

 


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